Ich bin nicht so der kreative Typ…

Creativity is the way I share my soul with the world (Brené Brown)

„Ich bin nicht so der kreative Typ – ich hab‘ ja Wirtschaft studiert“…
Das war sehr lange meine Antwort, wenn ich auf meine unglaublich kreative Familie angesprochen wurde.
Lange wollte ich mich von dieser Kreativität abgrenzen, wollte etwas „Richtiges“ lernen, wollte Geld verdienen…

Heute weiß ich, dass es diese Unterteilung in kreative und nicht kreative Menschen nicht wirklich gibt. Jeder Mensch ist kreativ, einige benutzen ihre Kreativität und andere wollen lieber etwas Richtiges lernen 🙂

Ich komme, wie schon gesagt, aus einer sehr kreativen Familie. Bei uns stand musizieren, singen, malen, schauspielern, schreiben immer im Mittelpunkt. Meine Eltern sind beide leidenschaftliche Chorleiter und Sänger, zwei meiner Brüder sind hauptberuflich kreativ – einer als Künstler und Maler und der andere als Theaterregisseur. Beide haben in Bands gespielt, schreiben oder illustrieren. Ihr seht also, Kreativität wurde bei uns in der Familie großgeschrieben. Irgendwie hatte ich da immer das Gefühl nicht richtig hineinzupassen. Ich habe Querflöte gelernt, war nicht besonders gut und habe es wieder aufgegeben. Ich habe im Chor gesungen, war aber nie die beste Sängerin und habe es aufgegeben. Ich habe mich immer mit allen anderen verglichen und natürlich immer jemanden gefunden, der besser war als ich.

„Comparison kills creativity and joy“ (Brené Brown)

Im Nachhinein betrachtet ist mir nun klar, dass mir das ständige Vergleichen absolut die Freude an Kreativität genommen hat. Viele Jahre habe ich versucht meine Kreativität zu unterdrücken, mich mit den „wirklich wichtigen Dingen des Lebens“ zu beschäftigen und wisst ihr, was das Ergebnis davon war? Ich war nie wirklich glücklich. Ich hatte nie etwas, von dem ich gesagt habe: das macht mir so unglaublich viel Spaß, ich könnte das den ganzen Tag machen.

Das „Problem“ mit der Kreativität ist, dass sie nicht einfach verschwindet, wenn sie nicht benutzt wird. Sie sucht sich ihren Weg und im schlimmsten Fall bricht die ungenutzte Kreativität als Emotion aus einem heraus. Das war bei mir nicht der Fall – bei mir hat sich die Kreativität langsam und von mir unbemerkt wieder in mein Leben eingeschlichen. Ohne es wirklich zu steuern habe ich mir in meinem Job immer öfter Aufgaben gesucht, bei denen ich etwas „Neues“ schaffen konnte. Es war schon ausreichend, wenn ich nur einen Finanzbericht neugestalten konnte. Der nächste, von mir noch immer nicht wahrgenommene Schritt war, dass ich begonnen habe alles Mögliche in Skizzen darzustellen. Ich war nie eine besonders begnadete Zeichnerin, aber Abläufe und Prozesse grafisch und selbst gezeichnet darzustellen hat mir plötzlich Spaß gemacht. Und weil es mir Spaß gemacht hat und es sonst niemand in meinem Arbeitsumfeld getan hat, habe ich mich auch nicht verglichen. Und das war das Startsignal für meine Kreativität, sich mir zu offenbaren. Heute weiß ich, wo meine Stärken liegen. Ich bin gut darin neue Dinge/Prozesse/Berichte zu gestalten und ich kann sie auch bis zum Ende durchdenken. Meine Kreativität ist mein „USP“ und nicht mein „Fehler“. Ich bin vielleicht nicht die Beste in meinem Job, aber ich bin mit Sicherheit einzigartig 🙂

Das war also der Startschuss für mein neues und kreatives ICH. Aber der Weg war noch lange nicht zu Ende und meine Kreativität war sicher noch nicht zufrieden mit dem, was ich aus ihr gemacht habe. Das Schicksal hat mir dann 2012 zwei Lehrer geschickt, die mich innerhalb der letzten 5 Jahre richtig transformiert haben. Sie haben mich gelehrt, dass Kreativität ein menschliches Grundbedürfnis ist, dass es okay ist dabei auch mal richtig blöd auszusehen und dass es bei kreativen Bemühungen kein Richtig und kein Falsch gibt.

Plötzlich habe ich begonnen zu Kinderliedern zu tanzen, lautstark mitzusingen, habe begonnen zu nähen, zu schreiben, zu zeichnen und habe neue Superlative für „Kritzi-Kratzi-Zeichnungen“ entwickelt, die wohl nur eine Mutter richtig würdigen kann 🙂

Von mir gibt es also ein absolutes „Daumen hoch“ für mehr Kreativität in unserer Welt und ich möchte euch ein paar Anregungen mitgeben um eurer persönlichen Kreativität wieder mehr Beachtung zu schenken.

Probiere aus!

Ich wusste lange nicht, wo meine kreativen Begabungen wirklich liegen. Das kann zur Herausforderung werden, vor allem wenn man in einem kreativen Umfeld aufwächst. Bei mir hat es zwar lange gedauert, aber heute weiß ich, was mir liegt und vor allem, was mir Spaß macht. Um dahin zu gelangen habe ich viel ausprobiert:

Während meiner Schwangerschaft –  ich war damals in Frühkarenz – habe ich beschlossen Italienisch zu lernen. Das hat nicht besonders gut funktioniert – ich habe es aber, tief in meinem Herzen, noch nicht aufgegeben – die Zeit wird kommen 🙂

Meine Mama schreibt und inszeniert schon seit vielen Jahren Kindermusicals, bei denen ich als Kind auch mitgespielt habe. Die Bühne war allerdings nicht mein Ding – das hat sich auch nicht geändert, als ich meinen Mann kennengelernt habe, der mit viel Leidenschaft in der Faschingsgilde aktiv war und mich auch einmal zu einem Auftritt breitgeschlagen hat.

Letztes Jahr habe ich mich zu einem Nähkurs angemeldet. Das war ein wirklich großer Schritt für mich, denn im Handarbeitsunterricht in der Schule habe ich hauptsächlich durch Unaufmerksamkeit geglänzt, was zur Folge hatte, dass ich immer ein „leichteres“ Werkstück machen musste/durfte als alle anderen. Ich glaube in dieser Zeit hat sich bei mir der Glaube festgesetzt, dass ich einfach keine Begabung dazu habe. Lange Zeit habe ich die Schuld dafür bei meiner Handarbeitslehrerin gesucht. Oder auch bei meiner Mama, die sich beharrlich geweigert hat meine Werkstücke fertig zu stellen, wie es bei vielen anderen meiner Klassenkolleginnen der Fall war. Heute weiß ich, dass meine Mama alles richtig gemacht hat und meine Handarbeitslehrerin es wahrscheinlich nicht besser wusste und dass es einfach nicht die richtige Zeit für mich war. Ich hatte Anderes im Kopf und kein Bedürfnis mich anzustrengen. Ich habe also letztes Jahr einen Nähkurs gemacht und mein erster Gedanke – und ich glaube ich habe es sogar mehrmals laut ausgesprochen – war: Ich bin nicht wirklich gut im Nähen… Aber da ich mich mittlerweile schon ganz gut kenne, habe ich mich dazu gezwungen das durchzuziehen und siehe da – es hat mir sogar richtig Spaß gemacht. Ich habe sogar zuhause Einiges genäht und auch wenn im Moment nicht wirklich viel Zeit dazu da ist, möchte ich so bald wie möglich meine Nähmaschine wieder einschalten und selbst etwas erschaffen.

Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich meine Liebe zur Naturkosmetik entdeckt. Ich war bei einem Vortrag zum Thema „Salben rühren“ und ich war begeistert. Ich habe mich schon dabei gesehen, wie ich für mich und alle meine Freunde selbst Salben, Duschgels und Cremen herstelle. Bisher ist es nur bei diesem Wunschbild geblieben – ich kaufe Naturkosmetik und habe mich damit abgefunden, dass es für mich noch nicht die richtige Zeit für DIY in diesem Bereich ist.

Eine meiner liebsten kreativen Bemühungen ist das Flaschen bemalen. Ich bemale alte Weinflaschen mit Acrylfarbe und verwandle sie so zu Vasen oder Kerzenständern. Es ist unglaublich erfüllend, wenn man selbst etwas erschafft und es dann auch noch verschenken kann. Außerdem ist malen eine sehr meditative Beschäftigung – kann ich absolut empfehlen 🙂

flaschen

Ihr seht also, dass ich Vieles und noch viel mehr versucht habe, manches hat funktioniert und manches eben (noch) nicht. Aber alle diese Versuche haben mich „meiner Kreativität“ nähergebracht und als die Zeit dafür reif war, habe ich mein Ding gefunden.

Wenn du dein Ding gefunden hast, dann bleib dran und setze es um!

Ich bin total super im prokrastinieren. Ich schiebe gerne auf und vertage meine Entscheidungen und mein Tun auf später. Bei meinem Ding allerdings habe ich nicht lange gefackelt und es umgesetzt. Ehrlicherweise muss ich natürlich schon gestehen, dass die Idee einen Blog zu schreiben schon sehr lange in meinem Kopf herumgegeistert ist. Immer wieder ist mir dann das Vergleichen wieder in die Quere gekommen. Meine erste Idee war es, einen Food-Blog zu eröffnen. Allerdings habe ich sehr schnell festgestellt, dass ich niemals so gute Fotos von Essen machen werde wie meine liebsten Foodblogger. Also lag das Thema lange auf Eis. So lange, bis mir mein Schicksal das Thema „Achtsamkeit“ nähergebracht hat. Und plötzlich hat es „Klick“ gemacht und ich wusste genau, wie mein Blog aussehen wird. Ich wusste, dass ich über Achtsamkeit schreiben möchte. Darüber, wie man Achtsamkeit in einer liebenswerten, aber absolut chaotischen Familie leben kann und wie man auch beim Kochen und Essen achtsam sein kann. Innerhalb kürzester Zeit war er dann fertig – mein Ding – mein Blog. Hier kann ich meine Kreativität ausleben, ich kann mich ausprobieren, kann fotografieren, schreiben und zeichnen und ich habe noch nie etwas lieber gemacht als das hier. Mir ist es egal, wie viele Menschen ich damit erreiche, ich mache mir keine Gedanken darüber, ob meine Texte von 30 oder 30.000 Menschen gelesen werden, denn wenn ich durch meine Kreativität auch nur EINEN Menschen zum Lächeln bringen kann oder EINEM Menschen einen neuen Denkanstoß verpassen kann, dann hat es sich für mich gelohnt. Hier kann ich, frei nach Brené Brown, meine Seele mit der Welt teilen, wie klein diese Welt auch sein mag.

Bleib neugierig!

Auch wenn du dein Ding gefunden hast, lehn dich nicht zurück. Kreativität wächst mit jedem Versuch kreativ zu sein. Bleib neugierig und versuche dich in unterschiedlichsten Dingen. Ich zum Beispiel möchte mich bald an Videos versuchen, das „Hand Lettern“ lernen und endlich mein Italienisch aufmotzen. Natürlich ist das alles eine Frage der verfügbaren Zeit, aber glaub mir, wenn du etwas gefunden hast, dass dich innerlich erfüllt, dann nimmst du dir dafür auch die Zeit. Dann ist nämlich stundenlanges Fernsehen nicht mehr erfüllend.

Ich habe in meinen Kindern ausgezeichnete Lehrer in Fragen „Kreativität“ und „Neugierde“ zuhause. Sie zeigen mir jeden Tag, wie schön es ist einfach zu tun, ohne Perfektion zu erwarten, denn Kreativität kann nie Perfektion sein!! Deshalb ist wahrscheinlich auch dieser Text nicht perfekt, aber es ist meiner und ich hoffe du hattest trotzdem Freude beim Lesen!

4 Comments

  1. Kathrin P

    Ich musste grad lächeln und lese deine Beiträge immer mit Begeisterung – und ja es gibt nichts schöneres als selbst etwas zu schaffen (und wenns ’nur‘ selbstgestrickte Socken sind)

  2. Keariel

    I love your thoughts! Creativity, I believe, is the most profound way to connect with the world, because the world IS creation itself, and is constantly creating and re-creating itself. Everyone, being a created being and a creator, is capable of the liberation that creativity elicits, if only one allows oneself to be connected to it. The more I allow myself to be creative, the more spontaneous and free I feel.

  3. Gedankenexplosionsblog

    Was für ein ermutigender Text! Schön, dass du deine Gedanken hier so offen teilst. Und du hast natürlich recht, Kreativität ist unglaublich befreiend und dieser Funke steckt in jedem von uns. Bleib bei deinen Visionen! Liebe Grüße von einer anderen Kreativbloggerin 🙂

    1. emme-eppe

      Vielen Dank für deine Worte. Ich freue mich, dass ich dich und andere ermutigen kann es einfach zu versuchen. Denn darum geht es ja bei Kreativität – versuchen, versuchen und versuchen, ohne Perfektion zu erwarten 🤗🤗

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