„Es tut mir Leid, aber ich kann diesmal nicht“

Das Wort Grenze löst bei mir im ersten Moment keine positiven Gefühle aus.
Zu oft hört man es, im Wahlkampf, in den Medien, von Erziehungsexperten. Wir brauchen Grenzkontrollen. Wir müssen den Kindern Grenzen setzen. Du musst beim Sport an deine Grenzen gehen. Wenn du erfolgreich sein willst, dann musst du über deine Grenzen gehen. Wir müssen unsere Grenzen schützen.

Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Ich muss MEINE Grenze schützen.

Aber nicht die Grenze unseres Grundstücks, sondern meine eigenen, persönlichen Grenzen.
Die Grenzen, die mich schützen und die, durch mein „nichts dagegen tun“, immer mal wieder verletzt werden. Zum Beispiel durch verletzende oder beschämende Kommentare. Oder durch zu schnelles „Ja“ sagen. Oder wenn ich nicht für mich und meine Fähigkeiten einstehe.

Daring to set boundaries is about having the courage to love ourselves, even when we risk disappointing others. (Brené Brown)

Für die, die mich kennen, oder schon länger meine Texte verfolgen wird es nicht überraschend sein, dass „jemanden enttäuschen“ nichts für mich ist. Es ist mir wichtig gemocht zu werden, Konflikte trage ich nur mit mir selber aus (das dafür umso intensiver) und ich sage fast immer „Ja“, bevor ich nur ansatzweise darüber nachgedacht habe. So habe ich die letzten 32 Jahre zwar überlebt, aber nur mit einer Riesenportion Verbitterung und Grant. Denn meine Bemühungen es allen immer recht zu machen waren vergeblich. Ich habe die Verbitterung (die ich mit mir selbst austragen kann) der Unbequemlichkeit einer Konfrontation mit anderen immer vorgezogen. Gute Miene zum bösen Spiel.

Jetzt aber habe ich Kinder und meinen Jungs möchte ich vorleben wie wichtig es ist, seine eigenen Grenzen zu kennen und diese auch zu schützen.

Dass man nicht um jeden Preis dazugehören muss, vor allem wenn man sich, um dazu zu gehören verbiegen muss.
Dass man auch mit ruhigem Gewissen „Nein“ sagen darf.
Dass man niemandem MEHR verpflichtet ist, als sich selbst.
Dass man eine eigene Meinung haben und diese auch vertreten darf – man aber nicht zu jedem Thema seinen Senf dazugeben muss.
Dass man nicht schweigend zuschauen darf, wenn beschämende und verletzende Kommentare „normal“ werden.

Nur wie immer auf meinem steinigen und in diesem Fall sogar überwucherten Weg zu mehr Achtsamkeit und mehr Fülle in meinem Leben ist das nicht so einfach.

Wähle „unbequem statt grantig“

In einem Beitrag für Oprah Winfrey verrät Brené Brown ihre Strategie für das „Grenzen setzen“. Ihr Mantra lautet „Choose discomfort over resentment“, frei übersetzt habe ich für mich „unbequem statt grantig“ daraus gemacht.

In allen Situationen in denen ich bisher einfach „Ja“ gesagt habe und mich danach oft tagelang darüber geärgert habe, werde ich ab jetzt kurz innehalten und abwägen.
Und wenn es mir einfach nicht mehr auf den Teller passt, weil ich wieder mal mit fünf Bällen gleichzeitig jongliere, werde ich „Es tut mir Leid, aber ich kann diesmal nicht“ sagen. 30 Sekunden Unbequemlichkeit statt mehrere Tage Groll – ein guter Plan – los geht’s!

Leichter gesagt als getan, denn sehr oft ist das „Ja“ schneller draußen, als die Zunge eines Chamäleons beim Fliegen fangen. Ich brauche also Zeit um abzuwägen..

Atme

Ich bin ein großer Fan von bewusstem Atmen als Hilfsmittel in Stresssituationen. Die positive Wirkung des Atems auf unseren Energiehaushalt und unser vegetatives Nervensystem ist unumstritten.

In Situationen, in denen ich mich bisher oft zu einem schnellen „Ja“ hinreißen habe lassen hilft mir das bewusste atmen nicht nur mich zu beruhigen. Nein, es verschafft mir auch die paar Sekunden Zeit, die ich brauche um in meinem Kopf meinen „Teller an Aufgaben“ zu prüfen und dann meine Entscheidung treffen zu können.


Ein kleiner Exkurs 🙂

Während mir zum Abwägen meistens 3-4 tiefe Atemzüge reichen, brauche ich oft um einiges länger um mich in einer wirklichen Stresssituation zu beruhigen. Meine liebste „Notfall-Atem-Methode“ ist das „four-square breathing“:

Steh‘ aufrecht und geerdet und richte dich bewusst auf.

Atme durch die Nase tief ein und zähle dabei bis 4.

Halte deinen Atem an und zähle dabei bis 4.

Atme gleichmäßig durch den Mund wieder aus und zähle dabei bis 4.

Zähle noch einmal bis 4 und atme erst dann wieder ein.

Ein paar wenige Wiederholungen reichen hier oft bei mir um meine Anspannungen oder Befürchtungen zu einem großen Teil abzubauen. Probiere es doch mal aus – es ist so simpel und wahrscheinlich gerade deshalb so effektiv.


Wähle „Respektvoll und ehrlich statt Bullshit“

Bullshit oder Blödsinn zu verbreiten ist irgendwie genauso in Mode wie sich gegenseitig verbal anzupatzen und anzufeinden. Manchmal wünsche ich mir einfach eine normale, positive Gesprächskultur, in der man die Grenzen des anderen akzeptiert und in der man auch seine eigenen Grenzen (wenn man zB einmal etwas nicht weiß oder keine Meinung zu einem Thema hat) offen ansprechen kann.

Respektvoll und ehrlich heißt für mich, dass ich…

… meine was ich sage und sage was ich meine.
… nicht einfach nur tatenlos zuschaue, wenn jemand respektlos oder beschämend mit anderen oder über andere spricht, sondern für einen positiven Umgangston kämpfe.
… weiß, was und wie viel ich leisten kann und dass ich Versprochenes auch einhalte.
… weiß, was und wie viel ich leisten kann und dass ich auch offen und ehrlich „Nein“ sagen kann, wenn ich schon am Limit bin.
… weiß, was ich brauche und das auch offen und ehrlich ausspreche.
… mir zugestehe nicht bei allen Themen mitreden zu müssen, vor allem wenn ich überhaupt keine Ahnung habe.

“Compassionate people ask for what they need. They say no when they need to, and when they say yes, they mean it. They’re compassionate because their boundaries keep them out of resentment.” (Brené Brown)

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