Bist du noch gut genug oder suchst du schon die Selbstverwirklichung?

Vor einigen Monaten habe ich euch von meinem Weg zur Achtsamkeit und meinem Bekenntnis zu „Gut genug“ berichtet (zum Nachlesen: Gut genug?! ). Ich bin noch immer davon überzeugt, dass „gut genug“ der richtige Weg ist, aber in letzter Zeit fiel es mir immer schwerer mich selbst als „gut genug“ zu sehen.

Meine Herausforderung der letzten Jahre kennen sicher viele von euch.

Ich will alles – Job, Familie und Selbstverwirklichung!

Wie schafft man es, in allen Bereichen des Lebens 100% zu geben? Wie bekommt man 300% oder noch mehr in 24 Stunden unter? Oder reicht es doch nach dem Pareto-Prinzip zu leben und es genügt, 20% zu geben um 80% zu erreichen?

Vor allem in den letzten Wochen hatte ich immer öfter das Gefühl, nicht zu genügen. Es war nicht alles rosarot, nein das war es wirklich nicht. Meistens war meine Gefühlslage dunkelgrau bis nachtschwarz. Ich war erfüllt von Unsicherheit und dem Wunsch etwas zu verändern. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht möglich ist, einen Lebensbereich von den anderen zu trennen. Wenn es im Büro nicht gut läuft, nehme ich das mit nach Hause. Ich bin auch davon überzeugt, dass Kinder ein untrügliches Gespür für die Gefühle ihrer Eltern haben. Da sie aber nicht genau wissen, was los ist, reimen sie sich ihre eigenen Geschichten zusammen und lassen ihre Eltern mit den ihnen gegebenen Möglichkeiten wissen, dass sie nicht zufrieden sind mit der Situation.

Alles in allem keine besonders schöne Situation und auf Dauer nicht zu ertragen. Aber was tun?

Die Ursachenforschung

Das Beste auf meinem Weg zur Achtsamkeit ist mein Drang nach Selbstreflexion. Ich hinterfrage immer öfter meine Gefühle, möchte den Ursachen auf den Grund gehen. Das ist super, aber nicht immer leicht.

In dieser bestimmten Situation hatte ich meine Gefühle ziemlich rasch erforscht. Es war eine Mischung aus Scham (für meine Passivität und emotionale Distanz im Büro), aus Verbitterung (da ich mich völlig unverstanden und auch ungerecht behandelt gefühlt habe) und aus genereller Unzufriedenheit (weil ich mich als ungenügend empfand und es nicht allen Recht machen konnte, schon gar nicht mir selbst).

Die Gefühle waren also schnell analysiert- doch damit begann die Ursachenforschung auf der nächsten Ebene. Wie kam es zu diesen Gefühlen? Was war der Auslöser dafür?  Das war schon bedeutend schwieriger, denn dafür musste ich wirklich ganz genau hinsehen.

Ich glaube mein Hauptproblem hier liegt in der Idee der „Selbstverwirklichung“. Eine tolle Idee und mit Sicherheit ein erstrebenswertes Ziel, aber trotzdem kann das ohne Reflexion zu unglaublicher Unzufriedenheit führen.

Ist mein Leben gut genug, wenn ich mich (noch) nicht selbst verwirklicht habe? Was bedeutet Selbstverwirklichung eigentlich?

Ziel des Lebens ist Selbstverwirklichung. Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen, das ist unsere Bestimmung. Oscar Wilde

Mein Wesen völlig zur Entfaltung bringen… alles klar. Oder doch nicht?

Ist ein Leben, ein gutes Leben, gut genug, wenn man nicht all seine Talente und Potenziale ausschöpft? Woran erkenne ich, dass ich mich jetzt selbst verwirklicht habe?

Ihr seht, ich hadere mit der Idee der Selbstverwirklichung, trotzdem möchte ich sie erreichen. Bis es aber soweit ist muss ich damit umgehen, dass ich JETZT, in diesem Moment, noch nicht am Ziel bin. Dass ich meine Erfüllung nicht zu 100% in meinem Job finde, obwohl ich diesen gerne mache, auch wenn es manchmal nicht danach aussieht. Dass meine Entspannungstrainings mir zwar richtig viel Spaß machen, ich aber hier noch nicht am Ziel bin. Dass ich das Schreiben zwar liebe, aber mir auch hier Größeres vorschwebt. Dass ich nicht immer die Mama bin, die ich für meine Jungs sein möchte.

Das ist also der Status quo. Mein Startpunkt. Ich habe ein gutes Leben, nein, eigentlich ein ziemlich tolles Leben, aber ich suche oft verzweifelt nach „mehr“. Und wenn es dann einmal schwierig wird, dann suche ich nach einer Exit-Strategie, einer Veränderung, die mich aus dieser Situation befreit. Wenn ich dies oder jenes verändere wird alles gut… Funktioniert nur leider nicht…

Die Lösung

Selbstverwirklichung ist nicht das Ziel, Selbstverwirklichung ist der Weg 

Das ist ab sofort mein Motto. Ich bin ab jetzt davon überzeugt, dass Selbstverwirklichung nie zu 100% erreicht werden kann. Wenn wir davon ausgehen, dass sich ein Mensch sein ganzes Leben lang entwickelt (was ja durchaus positiv ist, denn wer will schon sein ganzes Leben lang gleich bleiben), dann entwickeln sich ja auch seine Talente und Potenziale.

Selbstverwirklichung kann also eigentlich nur der Weg und nie das Ziel sein. 

Manche von euch sehen das vielleicht anders, das ist auch gut so, aber für mich ist diese Erkenntnis Gold wert. 

Das bedeutet für mich, dass ich mich schon JETZT selbst verwirkliche, mit jeder Aufgabe im Büro, mit jedem Text, mit jeder Entspannungseinheit und mit jeder wertvollen Minute mit meiner Familie. Meine Selbstverwirklichung wird zu einem Teil von mir und ist nicht mehr das nicht greifbare Ziel, das vielleicht (oder vielleicht auch nicht) hinter der nächsten Ecke wartet. 

Nach mehr streben, Exit-Strategien suchen, mich ungenügend fühlen – all das war nicht praktikabel, also arbeite ich daran, es von nun an anders zu machen. Aus jeder Situation des Lebens das Beste zu machen- auch wenn es nicht immer 100% sind. Aber mit ganzem Herzen und ohne Gewissensbisse. 

Akzeptanz von dem was ist. Ohne Reue und schlechtes Gewissen.

Ich wechsle also die Perspektive und meine Herausforderung ist plötzlich keine Herausforderung mehr, denn:

Ich habe alles – Job, Familie und Selbstverwirklichung 🙂

Am Ende des Tages geht es wieder einmal um die Einstellung. Wenn man einmal die Perspektive wechselt und sich in Dankbarkeit und Akzeptanz übt, lebt es sich bewusster, leichter, gelassener und definitiv glücklicher.

Zumindest ist es bei mir so 🙂

2 Comments

  1. Keariel

    What a wise and well-worded article! (Excuse the English– I’m not sure that I’d express my thoughts fully in German, but it’s good practice to read your articles, as I’m sure it’s good practice for you to read my comments! 😉 ) I can relate to this entirely. I’d felt for awhile that I was WAITING– for what, I wasn’t quite sure. More fulfillment, perhaps, more adventure, more unity, more discovery… I felt as though I wouldn’t be fulfilled until something happened, but I wasn’t sure what the something was. But I learned and practiced– am constantly learning to practice!– that, instead of waiting for some ominous goal, to be grateful for NOW and the joys that this moment can bring. Yes, I have things that I’m eager for, but this moment is part of the journey, and it’s beautiful in its glorious imperfection. It’s like language learning: If I woke up one morning and was fluent in another language, yes, that would be very nice, but I’d have no sense of accomplishment. I may want to be fluent now, but every single word I learn is blissful because it’s part of the discovery and process. I’ll never know every word in any language, but every new one is a gem. Sometimes I forget words and have to relearn them, but my ability to craft longer, more complex sentences is continuously growing. 🙂

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