Zeit – jeder spricht über sie, niemand hat sie, aber alle wollen sie

Wenn man Zitate zum Thema „Zeit“ sucht, findet man Wortspenden von allen möglichen Denkern und Persönlichkeiten. Meine liebsten Zitate stammen von Albert Einstein, Napoleon, Marie von Ebner-Eschenbach, Seneca und Jean-Luc Picard.
Das zeigt mir, dass die Zeit schon immer Thema war und sie es auch im Jahr 2200 in den unendlichen Weiten des Weltraums noch sein wird.

Zeit ist ein omnipräsenter Teil unseres Lebens – alles dreht sich in der einen oder anderen Weise um Zeit.
Wir haben zu wenig.
Wir verschwenden zu viel.
Wir nutzen Zeit und wir vergeuden sie.
Wir betreiben Zeitmanagement und üben uns in Zeitoptimierung.
Zeit für mich, Zeit für andere, gemeinsam Zeit verbringen, sich die Zeit nehmen und anderen Zeit schenken.

„WOW“ denke ich mir, die Zeit hat es wirklich geschafft. Jeder spricht über sie, niemand hat sie, aber alle wollen sie.

Zeit: Egal wie viel man davon hat – genug oder gar zu viel ist es anscheinend nie.

Manchmal denke ich ein bisschen wehmütig an die Zeiten zurück, als  ich noch viel weniger Verpflichtungen hatte und frage mich, was ich damals mit dieser ganzen freien Zeit gemacht habe. Und trotzdem habe ich heute, mit Vollzeit-Job und Kindern, subjektiv das Gefühl mehr Zeit zu haben als früher. Zeit für die richtigen und wichtigen Dinge im Leben. Welche das sind erkennt man scheinbar erst, wenn man älter wird. 🙂


Aber auch wenn ich eigentlich das Gefühl habe mehr Zeit zu haben, hindert mich das nicht daran mich gelegentlich als Zeit-Optimierer zu versuchen. Ich habe da einige Angewohnheiten entwickelt, die mir zwar im ersten Moment mehr Zeit zu bringen scheinen, aber mich eigentlich nur stressen:

Das mache ich später

Mein größtes Zeitdilemma ist meine Tendenz, alles auf das Wochenende zu verschieben. Bügeln? Am Wochenende. Kuchen backen? Am Wochenende. Neuen Text schreiben? Am Wochenende. Mein Buch weiterlesen? Am Wochenende. Zusammenräumen und staubsaugen? Am Wochenende. Die Betten neu überziehen? Am Wochenende.

Grundsätzlich ja keine schlechte Idee, allerdings sind unsere Wochenenden genauso wie unsere Wochentage durchgeplant. Naja – zumindest meistens. Zusätzlich zu all den Dingen, die ich gerne aufs Wochenende verschiebe, kommen dann noch Familienbesuche in Kärnten, Treffen mit Freunden oder diverse Ausflüge, und natürlich viel Zeit mit den Kindern. Das kann sich rein rechnerisch nicht wirklich ausgehen.

Ganz oft drücke ich mich auch vor lästigen Pflichten und Aufgaben, weil ich mir einbilde, dass diese ewig dauern würden. Aber wenn ich sie dann erledige stelle ich ganz oft fest, dass die meisten dieser Tätigkeiten nur einige Minuten dauern. Eine Frage der Einstellung, oder?

Zum Beispiel:
Ich räume nicht gerne unsere Küche zusammen – okay, wahrscheinlich wäre es auch einfacher, wenn ich immer sofort alles wegräumen würde, aber das mache ich nicht. Also stapelt sich das Geschirr schon mal in der Küche und ich schließe immer die Augen, wenn ich daran vorbei gehe. Aus den Augen, aus dem Sinn… Irgendwann räume ich dann aber doch zusammen und bin – erstaunlicherweise – maximal 15 Minuten später fertig.

Oder das leidige Thema „Auto tanken“. Natürlich warte ich immer bis die Tankanzeige meines Autos leuchtet, und wenn sie könnte, mich wahrscheinlich schon anschreien würde. Erst dann kann ich mich überwinden zu tanken. Wie oft habe ich zu meinen Kindern in der Früh gesagt: „Beeilt euch, ich muss noch tanken bevor ich zur Arbeit fahre“ und mir gedacht habe: „Die Zeit habe ich einfach nicht“  und dann – erstaunlicherweise – 5 Minuten später fertig bin.

Das mache ich gleichzeitig

Ich lebe Multitasking (zumindest das, was man landläufig als solches bezeichnet). Ja wirklich – ich kann unglaublich viele Dinge gleichzeitig machen. Fernsehen und Essenspläne erstellen. Hörbuch hören und Blogbeiträge schreiben. Einen Film schauen und im Internet etwas bestellen. Mit den Kindern spielen und gleichzeitig über Gott und die Welt nachdenken.

Natürlich ist es auch aus der Hirnfoschung schon bis zu mir durchgedrungen, dass es so etwas wie Multitasking eigentlich nicht gibt und dass dieses Verhalten nicht im Entferntesten effizient ist, weil man keiner der Tätigkeiten wirklich die notwendige Aufmerksamkeit widmet. Leichter gesagt als getan.


Bin ich alleine mit diesen Angewohnheiten und Tendenzen? Ich glaube nicht – wir alle wollen die Zeit, die wir haben, optimieren. Mehr herausholen und effektiv nutzen – nur hat der Tag nun mal nicht mehr als diese 24 Stunden – und das ist dann wie „gegen Windmühlen kämpfen“.
Es verursacht Stress, weil man durch das Leben hetzt. Schlechtes Gewissen macht sich breit, wenn man mal einen Abend (oder mehrere) einfach nur vor dem Fernseher verbringt und noch mehr schlechtes Gewissen, weil man die Zeit, die eigentlich den Kindern gewidmet werden will, mit allen möglichen anderen Tätigkeiten (Stichwort: Multitasking) überschwemmt.

Wenn man in unserer Gesellschaft nicht ganz offensichtlich gestresst ist, dann hat man entweder zu wenig zu tun oder man tut das, was man tut nicht richtig. Auch ich sehe öfter mal den Wald vor lauter Bäumen nicht – sei es im Büro oder auch zuhause, wenn mal wieder einiges liegen geblieben ist. Auch ich kann richtig unter Strom stehen, mit all den körperlichen Beschwerden, die Stress nun mal mit sich bringt.

Aber – und das ist meine größte Stärke (die ich allerdings erst vor kurzem als solche erkannt habe) – ich kann die Perspektive wechseln, auch wenn ich unter Strom stehe. Wenn ich die Perspektive wechsle, dann sind 5 Minuten Auto tanken einfach nur 5 Minuten Auto tanken und kein Weltuntergang, nur weil ich 5 Minuten später ins Büro komme. Wenn ich die Perspektive wechsle, dann ist ein großer Berg Bügelwäsche einfach nur ein großer Berg Bügelwäsche und kein Zeichen dafür, dass ich eine miserable Hausfrau bin. Wenn ich die Perspektive wechsle, dann sind vollgepackte Tage im Büro zwar anstrengend und ermüdend, aber auch diese sind bald wieder vorbei und alles wird wieder ruhiger.


Ich bin ein großer Fan von Pragmatismus, auch wenn ich ab und zu meine perfektionistischen Momente habe. Pragmatismus bedeutet für mich, dass ich mehr aus der Zeit, die ich zur Verfügung habe, heraushole, weil ich schneller mit den Ergebnissen zufrieden bin. Oft ertappe ich mich dabei mir auszumalen, was ich alles machen könnte. Den Adventkranz selbst binden, einen aufwendigen Adventkalender basteln, Seifen und Crémen selbst herstellen, Hauben für die Jungs nähen, ein Buch schreiben…

Das ist die Krux an vielen verschiedenen Interessen und für lange Zeit hat es mich traurig gemacht, dass ich nicht alles, was ich machen wollte, machen konnte.

Besonders dieses Jahr aber merke ich, dass ich viel gelassener mit diesen Themen umgehe. Auch ein gekaufter Adventkranz ist schön… die Hauben, die ich letztes Jahr genäht habe, passen den Buben noch… Naturkosmetik kaufen ist eigentlich auch okay… nur das Thema „Buch schreiben“ lässt sich nicht mit meinem pragmatischen Zugang abtun – das ist einfach ein Herzensprojekt (vielleicht auch schon für 2018).

Alles im Leben hat seine Zeit. Ich habe mich vom „immer alles selbst und das auch noch perfekt machen“ verabschiedet (bzw. arbeite jeden Tag daran) und lebe viel entspannter.


Jetzt kommt noch eine richtig schlechte Nachricht für alle Zeit-Optimierer unter uns:

„Rest and play are as vital to our health as nutrition and exercise.” (Brené Brown)

Schlafen ist für unsere Gesundheit absolut essentiell. Ohne Schlaf keine Leistung. Doch was machen wir Zeit-Optimierer? Wir schlafen weniger, denn schlafen ist unproduktive Zeit.
Das Problem dabei ist, dass man dann nach einer gewissen Zeit einfach nur erschöpft ist. Jeder, der Kinder hat weiß (oder kann sich zumindest dunkel daran erinnern), wie es ist, wenn man mehrere Nächte hintereinander nur sehr wenig schläft. Konzentration wird dann schon zur Herkules-Aufgabe. Und trotzdem verkürzen wir unsere Nachtruhe immer öfter freiwillig…
Es geht hier nicht um 5, 6, 7 oder 8 Stunden Schlaf – ich bin kein Experte, jeder muss für sich selbst entscheiden wie viel Schlaf ausreichend ist. Aber, wenn man in der Früh mindestens zwei Kaffee braucht um munter zu werden, dann könnte es zu wenig gewesen sein.

Ich brauche 7 Stunden Schlaf um gut zu funktionieren und mittlerweile stelle ich meistens entweder meinen Wecker danach, wenn ich in der Früh nichts Besonderes vorhabe, oder ich gehe dementsprechend früh schlafen.
Verpasst habe ich bisher noch nichts, außer vielleicht ein paar Minuten unbequemen Schlafes auf der Couch.


Zum Schluss möchte ich euch noch meine Top 5 der „Zeit-Weisheiten“ mitgeben – alle von mir getestet, aber ohne Erfolgsgarantie! 🙂

 

Richtig fernsehen

Ich versuche wirklich nur Dinge im TV anzusehen, die ich auch wirklich sehen möchte. Also bestimmt Serien oder Filme, die mich in irgendeiner Weise bereichern. Zapping ist der größte Zeitkiller – ich lasse es bleiben. 🙂

Viel spielen

Spielen ist, genauso wie schlafen, wichtig für unsere Gesundheit. „Spiel“ ist von Stuart Brown, einem der bekanntesten Spiel-Forscher, so definiert: „Zeit, die man ohne Ziel mit etwas verbringt, das einem Spaß macht.“ Es geht hier also nicht nur um Gesellschaftsspiele, sondern um jede Beschäftigung, die uns Freude bereitet. Für mich ist zum Beispiel neben dem Spielen mit meinen Kindern auch mein Entspannungstraining, lesen oder dieser Blog hier „Spiel“.

Genug schlafen

Mit dem Ausmaß an nächtlicher Ruhe nimmt auch meine Gelassenheit entweder zu oder ab. Bei mir gibt es hier wirklich einen Zusammenhang. Deshalb versuche ich ausreichend zu schlafen und wenn ich es mal nicht auf meine 7 Stunden bringe, versuche ich nicht zu hart mit mir ins Gericht zu gehen.

Eine Frage der Einstellung

Es ist okay, wenn man einmal nichts tut. Es ist auch okay, wenn man für sich selbst die Zeit im Auto beim Pendeln als „ICH-Zeit“ definiert und so jeden Tag eine knappe Stunde nur für sich hat. Niemand kann mir besser sagen als ich selbst, wie ich meine Zeit verbringen soll!

Gemeinsam ist immer besser

Davon bin ich wirklich aus ganzem Herzen überzeugt. So wichtig Zeit für mich selbst ist, richtig lebendig und glücklich bin ich nur in Gesellschaft von anderen Menschen. Ich habe das Glück mit drei wundervollen Menschen mein Leben teilen zu dürfen und darf auch viele außergewöhnliche Menschen zu meinen Freunden zählen. Meine liebste gemeinsame Aktivität ist mit Freunden zu kochen und zu essen – wir erweitern unseren Horizont, lernen etwas neues (kennen) und verbringen einfach eine gute Zeit miteinander.


Jetzt möchtet ihr sicher auch noch wissen, was Captain Jean-Luc Picard zum Thema Zeit im Jahr 2200 sagen wird:

Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich […] sind wir alle nur sterblich.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Zeit für die richtigen und wichtigen Dinge im Leben – bleibt achtsam, meine Lieben!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s